9.24 Cacteae - Kaktus
Neben den zierlichen, anmutenden Gestalten der meisten anderen Pflanzen nehmen sich die steifen, pittoresken Formen der Kakteen mit ihren farbenprächtigen Blumen gar fremdartig aus.
Sie bilden ein abgeschlossenes Reich für sich. Einige geschickt untergebrachte Exemplare können den Reiz einer Pflanzenzusammenstellung sehr erhöhen; sie dürfen aber die Übermacht nicht haben. Leidenschaftliche Kakteenfreunde tun deshalb gut, wenn sie sich für größere Sammlungen ein eigenes Zimmer, mindestens aber ein besonderes Fenster herrichten. Es ist dies doppelt vorteilhaft, weil die Kakteen wesentlich andere Lebensbedürfnisse haben, als die meisten übrigen Pflanzen. Sie lieben die trockene Wärme des Zimmers, fast kein
oder doch nur verschwindend wenig Wasser im Winter, und zur Zeit der Vegetation den glühenden Sonnenbrand in Verbindung mit angemessenen Wassergaben, zeitweisem Dungguß und öfterem Spritzen. Gar viele Kakteen gibt es. Kakteen, in denen der Typus der Familienspross hervortritt, wie bei den Cereusarten, Philoeereus, Opuntien, Phyloeaetus u.s.w., und auch solche, welche man auf den ersten Blick gar nicht einmal dafür halten möchte, die Blattkakteen.
Man kann mit dem Cactus sonderbare Erfahrungen machen.
Ein Schlangenkaktus, beispielsweise hatte bei mir schon Jahre gekränkelt und schien überhaupt nicht mehr recht üppig werden zu wollen, trotz der mannigfachen Versuche, ihn auf diese oder die andere Weise in den Gang zu bringen. Da fehlten zufällig einmal in einer Vase, die alljährlich mit sehr fetter Erde, Kuhdung, halbverrotteter Mistbeeterde und Lehm in geringer Menge gefüllt wurde, einige Hängepflanzen, und um nur für den ersten Augenblick zu decken, mußte der Schlangenkaktus aushelfen. An eine besondere Pflege war in der Gemeinschaft mit den Blatt- und Blütenpflanzen nicht zu denken. Morgens und abends fuhr die Spritze über alle hinweg, und sobald Wasser fehlte, bekam die ganze Gesellschaft tüchtige Mengen. Der Schlangenkaktus, welcher solange sich besonnen hatte, wuchs in der Vase ohne jeden direkten Anstoß, als sei es selbstverständlich, mit den übrigen um die Wette, trieb 50-60 cm lange Triebe und war von der Zeit an geheilt. Auf ähnliche Weise wird, es uns mit manchen anderen Kakteen ergehen können, wenngleich wir nicht immer glauben dürfen, daß das Auspflanzen an einen beliebigen Platz jeden Faulenzer heilen wird. Steht ein Frühbeetkasten im Garten, dann rate ich auf jeden Fall, selbst die empfindlicheren Kakteen, wenn sie nicht treiben wollen, dort auszusetzen und sie der vollen Sonne unter den Fenstern preiszugeben. Gelüftet muß aber werden, gegossen und gespritzt.
Das Einpflanzen im Herbste ertragen die Kakteen gut. Nur muß man Ende August damit anfangen, damit die Pflanzen noch bei gutem Wetter im Topfe Wurzeln machen können. Ein trockener, heller Stand im Winter tut ihnen trotzdem mehr als den anderen Blumen not. Faulflecke, welche sich eventuell zeigen, müssen wir möglichst bald ausschneiden und die Wunden mit Holzkohlenpulver bestreuen.
Man pflanzt Kakteen mit Vorliebe in leichte Heide- oder Lauberde mit Steinstückchen, kleineren Holzkohlenteilen zusammengemischt. Wie der Schlangenkaktus aber schon zeigte, sind nicht alle so peinlich darin.
Von Arten möchte ich hervorheben Phyllocactus Ackermanni, Flügelkaktus Man findet ihn häufig und mit wenig Ausnahmen entwickelt er im Mai, Juni und Juli seine hübschen roten Blüten. Er ist einer der härtesten Kaktusarten und liebt im Sommer auf dem Balkon, Fensterbrett zu stehen, oder einen Platz im Wohnzimmer zu haben, sobald es draußen kalt wird.
Cereus grandiflorus die Königin der Nacht - blüht gelblich, sie hat einen ungemein starken Duft, aber was ihre Eigentümlichkeit vermehrt und ihren Ruf so fest begründet hat, das ist die kurze Dauer der Blüte, welche sich nach 1-2 Stunden schon wieder schließt, und die Blütezeit selbst. Man muß die Nachtruhe halb und halb für den Anblick dahin geben. Wenn man nicht durch Einstellen in einen dunklen Schrank die Pflanze vor dem Aufblühen täuscht und sie so am Tage zur Blüte bringt, beginnt sie meistens um 11-12 Uhr in der Nacht die Knospe zu öffnen, am Morgen sieht man nichts mehr. Die Königin der Nacht bleibt auch im Sommer besser im Zimmer am unbeschatteten Fenster, es sei denn, wir könnten sie in ganz geschützter Lage dicht an eine Mauer lehnen, wo die Pflanze förmlich braten muß. Viel richtet sich der Standort im Freien jedoch nach dem Sommer; ist er heiß und trocken, dann ist dem Cereus grandiflorus mit einem Stand im Freien auch an anderen sonnigen Plätzen gedient, ist er kalt und naß, dann mag die Königin der Nacht überhaupt nicht im Freien sein.
Ein sehr beliebter Cactus ist der Blattcactus Epiphyllum schon deshalb, weil er eleganter aussieht, weil er sich zu hübschen Kronenbäumchen ziehen läßt und außerordentlich reich und hübsch blüht. Die Blattkakteen verschmähen den Stand im Freien, sie wollen im Zimmer oder im Mistbeet stehen. Buschförmig lassen sich die Pflanzen aus Stecklingen leicht ziehen, jeder abgebrochene Teil macht, wenn er erst einige Stunden abgetrocknet ist und dann in einen Topf gesteckt wird, Wurzeln.
Hochstämme bedürfen der Veredlung. Die Blattkakteen selbst sind nicht kräftig genug, um eine ausgebreitete schwere Krone zu tragen. Es lassen sich zwar alle Kakteen als Unterlage verwenden, am geeignetsten ist aber die Pereskie, ebenfalls ein Blattkaktus, aber stammbildend, der, aus Stecklingen gezogen, ungemein schnell heranwächst. Leichteres, als die Veredelung der Pereskie, gibt es kaum. Nachdem der Stamm in der gewünschten Höhe, 30—40 cm, etwas verholzt ist, wird er abgeschnitten, ein 1 cm oder längerer Querschnitt hineingemacht und dorthin das Glied des Epiphyllum, welches ein wenig zugeschmält ist, gesteckt. Jedes Verbinden unterbleibt. Damit aber wenigstens das Edelreis nicht aus dem Wildling herausfällt, wird ein Dorn der Pereskie genommen und die Veredelung wie mit einer Nadel durchstochen.
Im Winter brauchen die Epiphyllum keinen warmen Stand, es genügen ihnen 6-7°C von dort aus ins Wohnzimmer gebracht, treiben die Blütenknospen rascher hervor, ohne daß die Pflanze erheblichen Schaden nimmt. Doch darf man nicht zu viel gießen; auf keinen Fall so stark wie
bei anderen Pflanzen. Starke Nässe bringt das Welken und Einschrumpfen der blattartigen Abschnitte hervor. So wie die Epiphyllum auf Pereskie, kann man auch andere Kakteen umveredeln, und dadurch, wenn man beispielsweise auf schlanken Stamm einen dicken Kugelkaktus setzt.
Man wendet daß Veredeln auch dann an, wenn eine Pflanze krank ist, um sich dieselbe so noch zu erhalten. In der Hauptsache werden Kakteen aber durch Stecklinge oder durch Seitensprossen, die sich ja oft reichlich bilden, vermehrt. Die Behandlung der Seitensprossen ist wie die der alten Pflanzen.
Sehr gut und außerordentlich schnell werden aus Seitensprossen größere Pflanzen, wenn sie, wie eingangs erwähnt, in einem Mistbeetkasten über Sommer ausgepflanzt sind. Die Vermehrung mancher Kakteen aus Samen ist auch nicht schwierig. Man säht den Samen in Schalen oder flache Kästen mit sandiger Heideerde, bedeckt, nicht stark, und stellt ihn warm und feucht, bis die Pflänzchen hervorkommen. Ein heller Stand wird dann notwendig und das Verstopfen, späterhin das Verpflanzen, ist sehr dienlich. So wenig einladend die stacheligen Kakteen anscheinend für das Ungeziefer aussehen, letzteres bildet doch bei der Kakteenzucht eine Hauptplage. Vorzüglich eine weiße Wolllaus macht sich auf den Pflanzen viel zu schaffen und kann sie, wenn Abhülfe versäumt wird, in kurzer Zeit dermaßen überziehen, daß man nichts weiter sieht, als die weißbehaarte Laus. Die Tiere mit Pinsel und zugespitztem Hölzchen einzeln aufzuspießen und zu töten, ist eine unangenehme Arbeit, im allgemeinen aber die sicherste; Nikotin vermag den wolligen Tieren nichts anzuhaben.
Besser ist es, die ganze Pflanze mit einer dünnen Leimlösung (war früher wasserlöslicher Tierleim) zu überziehen und sie, wenn die Tiere unter der Leimkruste gestorben sind, wieder mit lauem Wasser abzupinseln und rein zu machen.
Empfehlenswerte Kakteen für das Zimmer sind außer den beschriebenen noch:
Philocereus senilis – greisenhaariger Kaktus - der ohne Blüten mit seinen langen, weißen, herunterhängenden Haaren ganz besonders anzieht, ferner der Igelkaktus – Echinopsis.








